Von Klischeebestätigung, Kindererziehung und was Handball in den USA bedeutet!

Das Leben in einer Familie der High Society im Land der unbegrenzten Möglichkeiten –

Man kann es nicht leugnen, jeder hat sofort ein Bild vor Augen, wenn man an „Amis“ denkt. Entweder sind sie alle dick und essen den ganzen Tag Fast Food oder sie sind als Mitglied der High Society eitel und konservativ. Und tatsächlich, beides ist hier drüben anzutreffen.

Jetzt aber mal ganz von vorne: Schon ganze 6 Monate bin ich jetzt in den Vereinigten Staaten und arbeite als Au Pair in meiner Familie auf Long Island, New York. Wichtig hierbei: AU PAIR! Nicht Nanny! Auch wenn man häufig als Nanny vorgestellt wird (vor allem auf den Partys der Upper class) gibt es wesentliche Unterschiede zwischen diesen beiden Berufen! Ich, als Aupair, komm nicht nur zum Babysitten und Aufpassen und hab geregelte Arbeitszeiten, sondern lebe mit der Familie in einem Haus, als Teil und Mitglied der Familie mit gewissen Pflichten und Regeln aber doch recht großen Freiheiten. Aller Anfang ist schwer, man weiß nämlich eigentlich nicht genau was auf einen zu kommt, bis man wirklich da ist. Zwar skypt man ein paar Mal mit der Familie, macht online Vorbereitungsseminare mit der Agentur und besucht in seiner ersten Woche die Au Pair Trainingsschool auf einem Uni Campus, aber die Realität ist erstens anders, zweitens als man denkt...

Um einen kleinen Einblick in meine Arbeit zu bekommen schildere ich am besten einfach mal den Alltag: Ich stehe jeden Morgen um 6.00 Uhr auf, um die Lunchbox für meinen 11-jährigen Jungen Jonah zu richten und ihn anschließend aufzuwecken, weil er seinen Wecker ignoriert. Dann wird sein Frühstück gemacht, gewartet bis er es gegessen hat und, jetzt kommt´s, direkt vor der Haustür vom gelben School Bus abgeholt wird. Die Sache mit dem Schulbus ist ziemlich entspannt, spart Zeit und damit noch früheres Aufstehen. Danach mach ich Wäsche, geh duschen oder wieder ins Bett für eine halbe Stunde, dann geht das ganze wieder von vorne los für Hannah, 8 Jahre, die noch in der Elementary School ist und der Unterricht erst um 9 startet. Unser Busfahrer, liebevoll Coach genannt, wartet grundsätzlich 5 min länger auf Hannah als auf Jonah. Am Vormittag, während die Kids Schule haben, gehe ich ins Fitness, einkaufen, Kaffee trinken mit Freunden, mach die Wäsche und koche vor für Dinner. Hier kommt der nächste Punkt. Ich hatte zwar Glück in eine recht gesunde Familie gekommen zu sein, wo die Gesundheit über dem Geld steht, dennoch gibt es andere Familien, die morgens Dunkin´ Donuts zum Frühstück aufsuchen, mittags ein Sandwich verdrücken und abends ne Pizza holen. Diese Leute trifft man mehr in der City, hier auf der Insel muss auf die Figur geachtet werden und wenn ein Häppchen zu viel auf der Party war, schnell für die Fitness-Class am nächsten Morgen anmelden.

Inzwischen habe ich schon echt viel erlebt hier drüben, da wir hier ja aber in einem Sportheft sind, beschränke ich es mal auf die sportlichen und wichtigsten Ereignisse. Als ich hier her kam, hab ich mich natürlich fürs Fitness angemeldet, gebe aber zu habe die gewohnte Action vom Handball sofort vermisst, es ist einfach langweilig alleine, also rasch einen Personal Trainer bekommen, der leider etwas älter und nicht so gutaussehend ist, wie man sich das eventuell bei dem Begriff Personal Trainer vorstellt (zumindest meiner) ? Natürlich spricht man viel über Sport, vor allem wenn man viel unter sportlichen Leuten ist, doch Vorsicht wenn man den Amis erzählt man spielt Handball in Deutschland. Unser Handball ist „European Handball“, Amis spielen Ha(ä)ndball als eine Art Squash, allerdings ohne Schläger, sondern eben mit der Hand. Außerdem sind es andere Regeln als beim Squash…oder so ähnlich?! Jedenfalls kam es deswegen in meinen Anfangsmonaten schon zu mehreren Missverständnissen und Verwechslungen.

Nach ein paar Wochen, als ich die ersten Aupair Meetings hinter mir hatte, hat mich eine Freundin gefragt, ob ich nicht mit ihr in einer Hobby Fußball Mannschaft mitspielen möchte. Ich bin also tatsächlich dem Erzfeind des Handballsports beigetreten und habe eine Zeit lang mit den „Homies“ jeden Montag ein Spiel (ohne Training) für je $12 absolviert. Was soll man sagen, bei jedem Mal hatte ich andere Teamkameradinnen und im Endeffekt haben wir das Schlusslicht der Tabelle besetzt, aber immerhin kann ich sagen, ich habe in den USA in einer Soccer League gespielt!

Ein weiteres großes Ereignis, das ich erleben durfte, war der New York City Marathon im November, wobei ich als freiwillige Helferin, an der Station Meile 18 in Manhatten den Läufern 4 Stunden lang Wasser gereicht habe und das Meer aus grünen Becher vom Boden beseitigt habe. Mit hunderten anderen Aupairs hatte ich, obwohl es sich langweilig anhört, viel Spaß und einen lustigen Tag, an dem auch der ein oder andere Promi vorbeigelaufen ist.

Was bei uns in Deutschland definitiv verbesserungswürdig ist und uns die Amis grandios vormachen ist das Spektakel bei einem sportlichen Ereignis! Inzwischen war ich schon bei den New York Mets auf einem Baseball Spiel, bei den Stony Brook Seawolves beim College Basketball, sowie beim Lacrosse (fast so brutal wie Handball!) und auf einem High School Football Game der Port Jeff Royals. Alle Ereignisse hören sich wahnsinnig professionell an…und das sind sie auch. Bis hin zum High School Sport feiern die Amerikaner ihr Team, identifizieren sich (manchmal 1zu1 mit Namen) und kreieren ein Event, wie bei uns nur eine WM gefeiert wird. High School und College Sport könnte man in etwa wie bei uns mit einem Spiel von ratiopharm Ulm Basketball vergleichen, nur dass noch ca. 30-40 glitzerhautschimmrige Cheerleader mit Modelfigur in jeder freien Sekunde herumspringen und das hauseigene Orchester einen eigenen Block besetzt und dazu die eh schon gute Stimmung anheizt. Wie auch immer, man fühlt sich grundsätzlich wohl und kommt sich vor wie in „High School Musical“.

Allgemein kann man sagen, dass so gut wie alles hier tatsächlich wie im Film ist, die Leute, die Städte, die Autos, das Essen, einfach alles! Manch kleine Details fallen einem aber erst im Alltag auf, die man als Tourist eventuell nicht merken würde. Zum Autofahren: Mit meinem Subaru Legacy komm ich mir zwar recht schick vor, aber gegen die Panzer, die hier gefahren werden, muss ich schon manchmal auf der Straße und dem Parkplatz kämpfen. Sprit ist superbillig und das schnellste, das ich bis jetzt auf dem Highway gefahren bin, war 60 mph (ca. 100 km/h). Als sich Jonah einmal beim Schlittschuhlaufen eine Platzwunde am Kinn zugezogen hat, bin ich ausnahmsweise etwas schneller gefahren, schließlich musste der Arme genäht werden, das hab ich sogar ich mit meinen Amateuraugen gesehen, und schon behaupten die Kids ich würde rasen, weil ich einmal 70 mph gefahren bin ? Jonah ging´s gut danach und die Kids haben kein Trauma vom deutschen Fahrstil erlitten.

Dann natürlich die gelben Schulbusse, die streng dreinschauenden Cops, die ständig unterwegs sind, dann aber eigentlich doch ganz nett sind, die Grüppchen in der Middle und High School, nicht nur fastfood-Ketten haben Drive-ins, auch Cafés und Banken, an jeder Ecke ein Starbucks, alles gibt es als Fertigmischungen und das Kochen ist schnell erledigt und wird abends wieder microwellenwarm serviert. Einmal hab ich Kässpätzle als Spezialdinner gemacht, weil sie mal deutsches Essen wollten, einziges Kommentar: Das schmeckt wie Mac&Cheese! Seitdem halt ich es mit den deutschen Spezialitäten in Grenzen. Sicher lag das zwar nicht an meiner Kochkunst, sondern viel mehr an der amerikanischen Kindererziehung. Leider wird so gut wie jedes Kind über alles gestellt und gelobt bis zum geht-nicht-mehr. Was grundsätzlich nicht falsch ist, aber die Kids zu sehr verwöhnten und eingebildeten Geschöpfen macht. Amerikanischen Kindern wird alles hinterhergetragen, sie verstehen es nicht Dinge wertzuschätzen und besitzen wenig Gefühl für Manieren und Pflichten. Achtung! Natürlich sind nicht alle so, aber zumindest kann ich aus vielen Gesprächen mit anderen Aupairs und den Erfahrungen mit meinen Gastkindern und deren Freunden sagen, dass ein Großteil der High Society Kids sich später sehr schwer tun wird im Umgang mit anderen und wenn es darum geht, Dinge zu teilen oder sich zu einigen. Nicht alles an der Kindererziehung ist negativ. Durch das ständige Pushen der Kids und das Einflößen und Fördern ihrer Talente, sind die Kids von sich selbst überzeugt alles erreichen zu können. An Selbstbewusstsein und „Attitude“ fehlt es den Amis also nicht.

Ich fühle mich hier total wohl und habe viele Dinge realisiert, die ich auf all meinen weiteren Wegen im Hinterkopf haben werde. Ich finde es unglaublich faszinierend, wie offen und einladend die Menschen hier sind. Auch wenn meistens nicht viel dahintersteckt, fühlt man sich meist in sehr angenehmer Gesellschaft, auch wenn es völlig fremde Menschen sind. Ich denke in so einem Aupairjahr wird man zum einen, wesentlich lockerer durch die Kids und zum anderen durchaus reifer, denn viele Dinge werden einem Kilometerweit von Zuhause entfernt erst bewusst und schätzt sie, oder muss sie erstmals ganz alleine durchleben und meistern. Ich kann zufrieden auf ein erstes Halbjahr zurückblicken und freu mich dennoch schon wahnsinnig, wenn ich am 18. September wieder im Flieger sitze auf meinem Heimweg back to Germany. Because we have the greatest beer and the best food!...und ich darf endlich wieder Handball spielen.

…also European Handball!

Ich versuche fleißig das Geschehen in der Heimt zu verfolgen und auch, was in der Burlafinger Halle so zu geht. Da sich nun bald die Saison zu Ende neigt, wünsche ich noch ein paar gute und spannende Endspiele und gute Saisonabschlüsse! See u later alligator, after a while crocodile!

Sending a smile with every mile!

Liebe Grüße, eure Stella !

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